Chamonix, ein 2016er Track und ein Chicano aus Santa Barbara: Was Bonez und RAF wirklich planen

Bonez MC und RAF
estudio día 1 dellic 16 bearbeitet bearbeitet
by Henny

Was das Foto wirklich sagt

Im Mai 2026 hat RAF Camora es öffentlich gesagt. Keine gemeinsamen Features mehr. Keine gemeinsamen Konzerte. Nichts. Die Waffe bleibt geladen im Keller. So die Aussage bei Kiss FM. Wenige Monate später stehen er und Bonez MC im Val Vény bei Chamonix, blicken in die Kamera, und der Track im Reel heißt “An ihnen vorbei” von 2016. Bonez postet die Zeile “wenn du weißt was ich meine”, RAF antwortet in den Kommentaren mit demselben Zeichen. Und in derselben Kommentarsektion taucht SadBoy Loko aus Santa Barbara, Kalifornien auf. Wir schauen nicht auf das, was gesagt wird. Wir schauen auf das, was gezeigt wird.

Wie eine Freundschaft zur Ära wurde

Bonez MC, geboren als John Lorenz Moser in Hamburg St. Pauli, ist Kopf der 187 Strassenbande. RAF Camora, geboren als Raphael Ragucci in Vevey in der französischsprachigen Schweiz, Sohn einer Italienerin und eines Österreichers, aufgewachsen in Wien ab dem sechsten Lebensjahr. Zwei Biografien, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben sollten. Bis 2016. In dem Jahr treffen sie sich auf RAF Camoras Album Ghøst zum ersten Mal im Studio. Wenige Monate später erscheint am 9. September 2016 Palmen aus Plastik. Platz eins in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Von BVMI mit Platin ausgezeichnet, von IFPI Austria mit Platin ausgezeichnet. Ein Sound, der Dancehall, Afrotrap und Hamburger Straßenrap zusammenbringt, ohne dass es gebastelt klingt. Zehn Jahre danach ist das Album immer noch der Referenzpunkt für melodischen Deutschrap. Palmen aus Plastik 2 folgte am 5. Oktober 2018, Palmen aus Plastik 3 am 9. September 2022. Alle drei Alben Platz eins in Deutschland und Österreich. Danach: Stille.

Was wir sicher wissen und was wir nur sehen

Am 7. August 2026 veröffentlichen Bonez MC und RAF Camora einen Kollabo-Post auf Instagram. Standort: Chamonix Mont-Blanc, Frankreich. Der Post läuft mit dem Audio “An ihnen vorbei”, einem Song von Tannen aus Plastik aus dem Dezember 2016. Der Caption: eine kurze Andeutung ohne Erklärung. RAF Camora reagiert direkt in den Kommentaren, sein Kommentar sammelt über 500 Likes. Der Post kommt auf mehr als 700 Kommentare und 1.500 Shares. Was offiziell bestätigt ist: Die “10 Jahre Palmen aus Plastik” Tour steht. Zehn Arenen im DACH-Raum im Dezember 2026, historischer Vorverkauf mit über 125.000 Tickets in wenigen Stunden ausverkauft. Erste Deutschland-Shows nach 15 Minuten zu 60 Prozent weg, komplett sold out kurz danach. Zusatztermine plus Open Airs 2027 in Stuttgart, Hamburg, Berlin und Essen. Was RAF Camora bei Kiss FM im Mai 2026 sagte: keine Features mehr, keine gemeinsame Musik, um die Palmen-aus-Plastik-Ära nicht zu verwässern. Bei der Tour-Ankündigung auf dem splash! Festival Anfang Juli 2026 die Worte “Noch ein letztes Mal”. Und Hiphop.de wörtlich: “Ob neue Songs von den beiden im Zuge des Jubiläums erscheinen, ist noch unklar.” Das Foto in Chamonix stellt diese Aussage in Frage, ohne sie zu widerlegen.

Warum es genau so aussieht

Chamonix ist kein Zufallsort. Val Vény, Mont Blanc, französischsprachige Alpen. RAF Camora ist in der französischsprachigen Schweiz geboren, das Setting ist Teil seiner biografischen Landkarte. Für Studio-Retreats greifen deutschsprachige Acts oft nach Isolation: PAP1 entstand teilweise auf einer Jamaika-Reise, PAP2 in verschiedenen europäischen Setups. Chamonix bietet dasselbe: keine Presse, keine Journalisten am Türsteher, kein öffentlicher Terminplan. Der Audio-Track “An ihnen vorbei”, produziert von RAF Camora selbst, damals mit Bonez als Feature, ist der symbolische Rückgriff auf den Moment, an dem alles losging. Wenn zwei Rapper, die kommuniziert haben nichts mehr zusammen zu machen, einen Post mit ihrem Track von 2016 als Soundtrack veröffentlichen, während sie zusammen posieren, ist das ein bewusster Rahmen. Keine Zufallskomposition. Ein internes Signal, öffentlich sichtbar gemacht.

Warum das jetzt zählt und warum SadBoy Loko wichtig ist

Der deutschsprachige Rap ist 2026 fragmentiert. 187 Strassenbande hat seit August 2024 kein neues Album mehr rausgebracht, Bonez veröffentlichte sein Solo-Tape “Johnny’s Tape” (2026), RAF Camora arbeitet an eigenen Projekten. In dieser Landschaft wäre eine Reaktivierung der PAP-Formel, in welcher Form auch immer, das kulturelle Ereignis des Jahres im DACH-Raum. Interessant wird es aber genau da, wo das offizielle Skript aufhört und die Kommentare anfangen. SadBoy Loko, mit bürgerlichem Namen Mario Hernandez-Pacheco, geboren 1989 in Santa Barbara, Kalifornien, Sohn mexikanischer Eltern aus Guanajuato und Culiacán, ist eine der aktivsten Stimmen im Chicano Rap. 2015 wurde er von YG bei 4Hunnid Records unter Vertrag genommen, sein Track “Gang Signs” hat über 68 Millionen YouTube-Views. Aktuell veröffentlicht er auf Prajin Records, sein Album “Sin Fronteras” (2022) war explizit ein Versuch, die Grenzen zwischen englischem Chicano Rap und spanischsprachiger Musik einzureißen, mit Features von Alemán, Lupillo Rivera und MC Magic. Er wurde im Compound von B-Real aus Cypress Hill interviewt, sein Netzwerk reicht tief in die West Coast Latino Rap Szene. Sein Kommentar unter dem Chamonix-Post ist noch keine Feature-Ankündigung. Es ist ein öffentliches Zeichen der Verbindung. In der Geschichte des deutschsprachigen Rap gibt es kaum dokumentierte direkte Kollaborationen mit Chicano Rap Artists. Ein solches Feature wäre kein Nebengeräusch. Es wäre der erste dokumentierte Brückenschlag zwischen zwei Szenen, die visuell und ästhetisch längst voneinander gelernt haben, ohne sich musikalisch zu berühren.

HIPHOPADELLIC Perspective

Der deutschsprachige Rap läuft 2026 auf Singles, kurzen Zyklen und permanenter Präsenz. Wer nicht wöchentlich postet, verschwindet aus dem Algorithmus. Bonez MC und RAF Camora machen das Gegenteil. Drei Jahre Stille, dann ein gemeinsamer Auftritt auf dem splash!, dann ein historischer Vorverkauf mit über 125.000 Tickets in wenigen Stunden, dann ein Foto aus Chamonix ohne Erklärung. Jede Bewegung ist minimal, jede Bewegung ist bewusst. Die Community wird nicht mit Content gefüttert, sondern eingeladen, zu interpretieren. Sie erfordert Selbstbewusstsein und ein Vertrauen in die eigene Marke, das nur wenige Acts noch haben. Bei HIPHOPADELLIC beobachten wir dieses Modell mit Respekt. Nicht wegen des Ergebnisses, das noch offen ist. Sondern wegen der Disziplin, mit der es aufgebaut wird.

One Love. One Family. One Culture.